Der Irrweg nationalen völkischen Denkens

Dieser Artikel soll ein interessantes und auch entscheidendes Thema ansprechen, das meiner Beobachtung nach trotz der neuesten Erfolge rechter Parteien & Strukturen nicht wirklich wesentlich und kritisch in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist: Nationales und Völkisches Denken. Dafür mag es viele Gründe geben und auch Ausnahmen. Damit will ich mich vorerst aber nicht beschäftigen, da es mir in diesem Artikel weniger um solidarische Kritik an linken Strukturen oder eine historische Betrachtung des Umgangs mit dem Thema gehen soll, sondern um eine Kritik eben genau dieser Denkweise in der Staat, Nation und Kapital in Wechselwirkung in der Mitte der Gesellschaft als selbstverständlich angesehen werden.

Die Nation und der Staat

Zu all erst ist festzustellen, dass die Nation als Begriff verschieden definiert werden kann. Sowohl im wissenschaftlichen Kontext als auch umgangssprachlich werden unter Nation verschiedene Sachen verstanden. Deshalb hierzu ein kleiner Überblick:

  • „Nation“ sozialwissenschaftlich: gewollte Gesellschaft (Ferdinand Tönnies), vorgestellte Gemeinschaft, auf primordialen Bindungen beruhende Gruppe (vgl. Clifford Geertz), als Kollektiv (Klaus P. Hansen), historisch kontingentes Konzept (vgl. Rogers Brubaker), Kombination vorstehender Begriffe (vgl. Anthony D. Smith)
  • „Nation“ politikwissenschaftlich: Staat als Lebens- und Wohngemeinschaft seiner Bewohner, Willensnation, die Kulturnation als über Staatsgrenzen hinaus gehende durch Kulturelle Merkmale und/oder durch die Abstammung definierte Gemeinschaft

Gemeint ist aber heute vor allem die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Staat, der durch die Verfassung oder verfassungsähnliche Dokumente definiert ist.

Der Staat

Was ist aber nun der Staat? Dazu müssen wir vor seine Entstehung zurück gehen. Also in die Zeit in der die Menschen noch in einfachen Verbänden lebten und die Produktivität noch sehr niedrig war. In dieser Zeit war so etwas wie ein Staatsaparat samt Beamtenschaft, stehendes Heer, Polizei, Gefängnisse, Steuern nicht notwendig. Alle haben gleichermaßen produziert und es gab keine Trennung in Klassen. Durch die Weiterentwicklung der Produktivkräfte durch beispielsweise höhere Technologie konnte mehr produziert werden als zum eigenen Überleben notwendig war, ab diesen Zeitpunkt war Ausbeutung von Menschen durch Menschen erst wirklich möglich und damit auch die Spaltung der Gesellschaft in Klassen. Das machte nun notwendig, dass es eine dritte Macht gibt, die die Klassengegensätze reguliert oder unterdrückt. Diese Aufgabe kommt eben derjenigen Klasse zu, die den meisten Einfluss, die größte Macht im Staat hat. Zusammenfassend können wir also sagen: Der Staat war bisher die meiste Zeit notwendigerweise ein Instrument einer herrschenden Klasse. Und diese herrschende Klasse ist heute die kapitalistische Klasse. Damit ist aber der Staat und seine Regierung nicht demokratisch, weil er nicht die Interessen aller vertritt, sondern die einer Minderheit. Erst durch die Überwindung der Gegensätze zwischen allen Klassen kann es wirkliche Demokratie geben. Da die Verwaltung in diesem Falle auf alle Mitglieder Gesellschaft übergeht, besteht allerdings auch keine Notwendigkeit eines Staates und damit auch keine Notwendigkeit einer Demokratie. Dieser Zustand einer herrschaftslosen und klassenlosen Gesellschaft nennt man Kommunismus.

Die Klassengegensätze

Nun müssen wir erst einmal den Unterschied zwischen der herrschenden kapitalistischen Klasse und der ausgebeuteten Arbeiterklasse verstehen. Dazu nehmen wir die ökonomischen Voraussetzungen ins Visier: Während nur wenige Menschen über Privateigentum an Produktionsmittel verfügen (also Land, Ressourcen, Betriebe, Maschinen, Arbeitskraft der Angestellten, etc.) verfügen die meisten Menschen ausschließlich über ihre Arbeitskraft. Diese Arbeitskraft die die Arbeiterklasse aufbringen und in Konkurrenz untereinander auf dem Arbeitsmarkt verkaufen muss um überleben zu können, dient der kapitalistische Klasse dazu ihren Reichtum anzuhäufen. Von diesem Reichtum ist die Arbeiterklasse ausgeschlossen, denn dieser wird durch die herrschende Klasse angeeignet. Doch je mehr die Produktivität wächst, desto mehr müssen Menschen arbeiten um weiterhin Wachstum zu generieren, weil im System der Marktwirtschaft Betriebe gegeneinander konkurrieren. So wächst auf einer Seite Armut und Arbeitswahn, während auf der anderen Seite der Reichtum wächst. Bekannt ist das auch unter den Metaphern: „Die Schere zwischen arm und reich“ und „Leistungsterror“.

Spaltung der Klasse entlang nationaler Grenzen

Entscheidend ist hier: Zur Nation gehören per Definition durch den Staat alle Bürger. Also sowohl Kapitalist*innen als auch Arbeiter*innen. Menschen die sich also mit ihrer Nation identifizieren, tun das entgegen ihrer Klasseninteressen, sie lassen sich nämlich entlang nationaler Grenzen spalten. Denn das Interesse der Arbeiterklasse weltweit ist es, ihre Ausbeutung zu überwinden, in dem sie die Kontrolle über die Produktionsmittel erlangt und damit die oben beschriebenen Klassengegensätze aufhebt. Dagegen ist es das Interesse der herrschenden kapitalistischen Klasse die bestehende Ordnung zu ihren Gunsten zu erhalten, also die Ausbeutung zu erhalten. Wenn du also mit deinem Boss im National-Trikot für deine Nation fieberst, halte das im Hinterkopf 😉

Basis & Überbau und die Mythen

Nun ist es aber kein Geheimnis, dass die Mehrheit der Gesellschaft eine ganz andere Ansicht vertritt. Das liegt in der unterschiedlichen Betrachtungsweise die die staatliche also kapitalistische Bildung lehrt. Die Klassengegensätze hingegen sind real und lassen sich wissenschaftlich erfassen. Entscheidend ist dabei zu verstehen was Basis und Überbau sind. Während sich die meisten nationalen und nationalistischen Mythen samt Sagen und Märchen aus der jeweiligen Kultur ergeben (also aus dem Überbau) beruht diese Kultur immer auf einer wirtschaftliche Grundlage (Basis). So wie die Menschen materiell also in ihrer wirtschaftlichen Beziehungen zueinander stehen und ihre Belange verwalten, entwickelt sich die Kultur. Wenn also die Klassenherrschaft und mit ihr die Ausbeutung bereits wirtschaftlich real ist, ist es logisch, dass sich eine entsprechende dazu passende Kultur, samt Mythen darauf aufbaut, die diese ideell unterfüttern.

Wenn also Anhänger*innen rechter Kreise diese Mythen präsentieren und mit ihnen für ihre klassenspalterische nationale Ideologie werben, dann tun sie das auf einer völlig undialektischen und unwissenschaftlichen Grundlage und machen sich zu Helfer*innen der herrschende Klasse. Selbstredend sind sie sich dessen natürlich nicht bewusst und werden es auch nie, solange sie nicht mit entsprechendem Wissen konfrontiert werden und aufnehmen. Viel mehr sind sie durch den Mangel an Klassenbewusstsein sogar der Meinung gegen den Kapitalismus zu sein und ihre Kritik an diesem mündet in verschwörerische bis antisemitische Umtriebe.

Formelle, nicht inhaltliche Organisation auf nationaler Ebene

Eine kleine Anmerkung zum Schluss: Häufig missverstanden wird in dieser Hinsicht der Begriff der nationalen Organisation und des Internationalismus. Wenn die Arbeiterklasse den Staat für sich instrumentalisieren will um die Produktionsmittel der Gesellschaft zurückzugeben, tut sie das zu allererst formell auf einer nationalen Ebene. Aber eben nur formell und nicht inhaltlich. Der Internationalismus drückt hier nur aus, dass die formell nationalen Organisationen miteinander solidarisch sein sollen. Denn so wie die herrschende kapitalistische Klasse international herrscht, müssen wir uns international gegen sie organisieren. Es ist also kein Widerspruch gleichzeitig einen antinationalen Standpunkt zu vertreten, als auch internationale Solidarität – also Solidarität zwischen formell nationalen Organisationen zu fordern.

Die wichtigsten Punkte zusammengefasst

  1. Der Staat ist das Instrument der jeweiligen herrschenden Klasse
  2. Das Interesse der herrschenden kapitalistischen Klasse ist die Aufrechterhaltung seiner Herrschaft und die Ausbeutung der unterdrückten Klassen
  3. Das Interesse der Arbeiterklasse muss die Überwindung dieser Ausbeutung sein
  4. In einer Klassengesellschaft verlaufen also die Gegensätze zwischen Klassen und nicht zwischen Nationen
  5. Die Basis einer gesellschaftlichen Entwicklung ist immer die Wirtschaft, nicht der kulturelle Überbau der sich aus ihr ergibt.
  6. National denkende Menschen sind Klassenspalter, die das noch nicht begriffen haben! 😉

In diesem Sinne:

Hoch die internationale Solidarität!