I ♥ Ölberg

Besser die Jugend besetzt leere Häuser als fremde Länder.

Dieser Satz ist eine gute Einleitung in meinem allerersten Blogeintrag, in dem ich überblicksmäßig aus meiner Sicht schildern möchte, was in den letzten Wochen am Ölberg einem Stadtviertel in Wuppertal geschehen ist.

Der Ölberg ist für vieles bekannt: Für seine von Vielfalt und Zusammenhalt geprägte Nachbarschaft, für die Künstler- und Musikkneipen, die genialen Partys, die chilligen Parks und auch für die widerständische und rebellische Art der Leute gegenüber Staat & Polizei. Aber eines das war schon lange nicht mehr da und überrascht auch die Nachbarschaft:

Ein Haus wird besetzt! Und die Polizei schlägt brutal zu.

Genauer genommen schon zwei mal und in der Marien Straße 41. „Endlich ist wieder was los“, und „Dieser Leerstand in der Gegend ist nicht zu ertragen – uns fehlen Freiräume und Wohnräume“ sagen die meisten, manche sind noch ungläubig und wissen nicht so recht, wie sie es mit den jungen Aktivist*innen halten sollen. Jedoch zum Erstaunen so mancher Presse-Mitarbeiter*innen: Das Gesamtbild will einfach nicht dem entsprechen, was vorweggenommen wurde oder besser was im Polizeibericht steht. Es sind keine Chaoten und sie haben Ideen und Ziele. Außerdem stehen viele Nachbar*innen hinter ihnen und ermutigen sie weiterzumachen. Die unverhältnismässige Polizeigewalt und der Leerstand hingegen stehen wider Erwarten bestimmter Presseblätter, deren Haupttätigkeit sich im Abdrucken von Pressemeldungen der Polizei erschöpft insgesamt viel eher im Mittelpunkt der nachbarschaftlichen Kritik, als die eben nicht gewaltsame sondern friedliche Besetzung der #Marien41.

Nicht nur dass die Polizei ohne Räumungsbefehl und ohne Einsatzleitung mit Hunden, Schlagstöcken, Pistolen und Helmen bewaffnet das Haus geräumt haben. Sie haben auch bereits kontrollierte und mit Handschellen gefesselte Jugendliche mit scharfen Waffen bedroht, wahllos Leute über den Platz geprügelt und so viel Verstärkung aus umliegenden Städten angefordert, dass eigentlich eher von einer Besetzung der Stadt durch die Polizeieinsatzkräfte, als von einer Hausbesetzung die Rede sein konnte. Durch das Einschlagen von Scheiben haben sie zudem nicht nur ihre Hunde sondern auch die Nachbarn in Gefahr gebracht. Diese brutale Art gegen einen Stadtteil vorzugehen und die Ignoranz einiger Medien, die nichts vom eigentlichen Skandal berichten, verärgert und schockiert nicht nur die Aktivist*innen selbst, sondern noch viel mehr die Nachbarschaft, die sich nicht wie wohl erwünscht und mit Hilfe von manchen Schmierblättern unterstützt gegen die Hausbesetzer*innen stellen, sondern sie nun noch viel besser verstehen und in noch engeren Kontakt treten.

In der Nachbarschaft wurde nämlich gebruncht und … 

die Stadt gedanklich neu gestaltet. Nachdem die Unterstützer*innen der Hausbesetzer*innen in Folge des ersten Besetzungsversuchs dazu aufgerufen haben sich mit allen Anwohner*innen zu treffen, war der Ansturm und die Zustimmung groß. Nachbar*innen die zuvor selten gesehen wurden, forderten ein weiterzumachen und viele Ideen zur Verwendung eines sozialen Zentrums und weiterer Projekte am Ölberg sammelten sich um anschließend plakativ am geräumten Haus ausgehängt zu werden. Die Räumung selbst war für die Geburt des Centro Sociale längst kein Hindernis mehr, die Idee und das Thema sind bei den Menschen angekommen. Daran änderten spätere Versuche die Plakate, Transparente und Zettel wieder abzureißen nichts, genauso wenig wie die ins Absurde gehende erhöhte Polizeipräsenz und die Überwachung durch Kameras am Berg. Es wurde tagelang gespielt, gesungen und gemeinsam gelacht und es entwickelte sich eine kreative Atmosphäre, die seinesgleichen sucht.

Aber worum geht es den Besetzern denn konkret?

In der Marienstraße 41 steht ein leeres Haus an dem einfach nichts passiert. Weder die Stadt noch der Besitzer, eine insolvente Firma in London die mit Immobilien spekuliert verbessern, renovieren, vermieten oder verkaufen dieses Gebäude und die umliegenden Häuser sind davon bereits in Mitleidenschaft gezogen. Eine Gruppe Hausbesetzer*innen hat also deshalb beschlossen diesem Haus wieder einem Zweck zurückzuführen und mit diesem Zweck meinen sie darin zu leben und nicht Geld damit zu machen – nur dafür sind schließlich Häuser da. In dem mehrstöckigen Gebäude sollte also ein Refugee-Welcome-Center eingerichtet werden, in dem Flüchtlinge die in ihrer Not neu in Wuppertal ankommen erste Infos erhalten, sowie ein Info-Laden als zentraler Treffpunkt für alle und als ein Info-Point für den Stadtteil. Der soll Centro Sociale (Soziales Zentrum) sein. In den oberen Etagen waren unter anderem Notschlafplätze angedacht. Für weitere Projekte und Möglichkeiten waren sie von Anfang an offen. Entsprechende Erklärungen könnt ihr hier nachzulesen:

Leerstandspaziergang

Wie schon erwähnt: Das Thema ist angekommen. Nun standen auch andere leerstehende Häuser die vor sich dahinrotteten und von denen es zuhauf in Wuppertal gibt im Mittelpunkt des Interesses. Aktivist*innen und Nachbar*innen erkundeten in einem Spaziergang auf dem Ölberg welche Gebäude leer stehen. Die Ideen wurden noch gegenwärtiger als zuvor. Von Kreativ-Werkstätten und Kitas bis hin zu veganen Eisdielen und Umsonstläden stand so ziemlich alles an denkbaren Wünschen im Raum. Und was mir dabei auffiel: Es war nicht der für dieses System typische Wunsch nach Shoppingmalls und Unternehmen die damit Geld machen sollten, sondern eine Vorstellung kollektiver und kommunaler Lebensweise. Die Projekte sollen sich nicht finanzieren, sondern sich durch die Tätigkeit der Menschen selbstverwaltet erhalten. Damit zeigt sich deutlich, dass die Vorstellungen von Zweck und Nutzen von Immobilien aus linker autonomer Sicht keine Randerscheinung ist, sondern hier deutlich als nachbarschaftliches Meinungsbild in Erscheinung tritt. Es gibt sogar bereits Arbeitsgruppen die sich mit den Projekten beschäftigen, so zum Beispiel eine Gruppe die aus Sperrmüll neue Gegenstände herstellen möchte.

Die zweite Besetzung – erneute Räumung

Von der Solidarität und den vielen Ideen der Nachbar*innen gestärkt folge sogleich einige Zeit später die zweite Besetzung der #Marien41. Diesmal waren noch einmal deutlich mehr Menschen daran beteiligt, die Mobilisierung war größer und sie hielt auch länger stand . Aber erneut war die völlig unverhältnismässige Polizeigewalt gegen die friedliche Blockade vor dem Haus, die unter Pfefferspray und Schlagstockeinsätzen schließlich vertrieben wurden der Grund, warum das Haus nicht gehalten werden konnte. Auch diesmal laden die Hausbesetzer*innen zu einem Nachbarschaftstreffen ein um den Vorfall solidarisch und kritisch zu reflektieren. Eine entsprechende Einladung findet ihr hier.

Aber was macht den Ölberg so solidarisch?

Das ist einfach erklärt: In diesem Viertel gibt es viele Projekte von Menschen für Menschen. Hier einige die im Umfeld der #Marien41 sind:

  • Wöchtenlich: Mo-Mi-Fr: Foodsharing Wuppertal im Cafe Stilbruch (Kostenlose Lebensmittel)
  • Von Mo-Fr im Autonomen Zentrum Wuppertal (Raum für Musik, Gruppen und Events)
  • Jeden Montag 19 Uhr Karawane (für die Rechte der Flüchtlinge und Migrant*innen)
  • Jeden Dienstag im Autonomen Zentrum Wuppertal: Politkneipe mit interessanten Vorträgen
  • Jeden Mittwoch im Autonomen Zentrum Wuppertal (kostenloses Essen für alle)
  • Jeden Donnerstag: Hexenküche (gemeinsames Kochen und kostenloses Essen für alle)
  • Einmal im Montag „Kein Mensch ist illegal“ im Karawane-Laden (Hilfsorganisation für Refugees)
  • viele alternative Feste und Partys
  • und vieles mehr

Diese Projekte tragen dazu bei, dass alle an der Gesellschaft teilhaben können ohne sich in einer Leistungsgesellschaft wiederfinden zu müssen, wie es in ihrem sonstigen Alltag geschieht. Es ist das praktische Beispiel einer alternativen solidarischen Lebensweise.

Fazit

Am Ölberg ist endlich wieder etwas los. Und das was hier los ist, hat mich und viele andere wirklich einmal mehr davon überzeugt, dass ein Miteinander in einer Welt in der das Gegeneinander systematisch gefordert wird nicht unmöglich ist. Häuser stehen leer und Menschen haben keine Häuser. Ändern wir das indem wir sie und wieder zurückholen. Freiräume für alle! Weiter so!